Nelly Sachs (1891-1970) – klein, zart, wortgewaltig

Die deutsch-jüdische Dichterin und Schriftstellerin erhielt 1966 den Literaturnobelpreis „für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Deutlichkeit interpretieren“.
Für Nelly Sachs ist der Tag der Nobelpreisverleihung der Tag ihres größten Glücks und zugleich ihr 75. Geburtstag, und sie sagt: „Es will mir scheinen als wäre ein Märchen Wirklichkeit geworden.„
Von der Tänzerin zur Dichterin
1891 wird Nelly als einziges Kind des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns Georg William Sachs und seiner Frau Margarete geboren. Sie wächst wohlbehütet, aber einsam in Schöneberg (Berlin) auf, will als Kind unbedingt Tänzerin werden. Tanzt mit Begeisterung zur Klaviermusik ihres Vaters, noch ohne die große Liebe zum Wort. Das ändert sich Jahre später, als sie zu ihrem 15. Geburtstag den Erstling von Selma Lagerlöf „Gösta Berling“ geschenkt bekommt. Sie ist fasziniert, verehrt die schwedische Schriftstellerin und schreibt ihr. So beginnt eine Brieffreundschaft, die bis zum Tode Lagerlöfs hält. Und die letztendlich dazu führt, dass Selma Lagerlöf 1940 der jüdischen Dichterin die Flucht nach Schweden ermöglicht und ihr so das Leben rettet.
Die einzige große Liebe
Mit 17 Jahren verliebt sich Nelly. Von ihrer großen Liebe ist so gut wie nichts bekannt. Ein geschiedener Mann, wohl Nicht-Jude, den ihr Vater ablehnt, es kommt zur Trennung, unter der Nelly so sehr leidet, dass sie nichts mehr isst, kaum noch spricht. Magersucht. Ihr Arzt rät ihr, zu schreiben. Die Lebensrettung für die junge Frau. Es entstehen Gedichte, Puppenspiele und Prosatexte; den Band „Legenden und Erzählungen“ schickt Nelly Sachs an Selma Lagerlöf, von deren Werken sie sich hatte inspirieren lassen. Die Nobelpreisträgerin antwortet wohlwollend und mit feiner Ironie: „Ich hätte es selber nicht besser machen können.“
Die unerfüllbare Liebe und der brutale Mord an ihrem Geliebten (als Widerstandskämpfer wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und ermordet) beeinflussen Nelly Sachs ein Leben lang. Als „toter Bräutigam“ findet die traumatische Erfahrung von Liebe und Verlust Eingang in viele ihrer Gedichte.
(…) O mein Geliebter, vielleicht hat unsere Liebe in den Himmel der Sehnsucht schon Welten geboren –
Wie unser Atemzug, ein- und aus, baut eine Wiege für Leben und Tod? (…) (Aus dem Zyklus: Gebete für den toten Bräutigam)
Wer der Mann war, und wie sie sich begegnet sind, bleibt ihr Geheimnis.
Rettung in letzter Sekunde
Mit dem Tode des Vaters 1930, erlebt Nelly Sachs einen herben Verlust, emotional und materiell. Sie zieht mit ihrer Mutter in eine Wohnung im Berliner Hansaviertel, lebt nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zurückgezogen und unauffällig, ein „Leben unter Bedrohung“. Und sie verspürt in sich als „höchsten Wunsch auf Erden: Sterben ohne gemordet zu werden.“ Erst durch die Ausgrenzung und Verfolgung beginnt die Tochter assimilierter Juden sich mit dem Judentum und ihrer Herkunft auseinanderzusetzen. Sie liest die Schriften Martin Bubers, wird durch die Verfolgung und Bedrohung erst eigentlich zur Jüdin. Am selben Tag, als die Einberufung ins Arbeitslager eintrifft, erhalten Mutter und Tochter das Einreisevisum für Schweden. Mit dem letzten Flugzeug verlassen sie 1940 Berlin, die wenigen Habseligkeiten in einem kleinen braunen Koffer.

Im Exil
Und nun Stockholm, ein fremdes Land, eine fremde Sprache, keine Freunde oder Verwandten. Aber Nelly findet Unterstützer, lernt schwedisch, arbeitet tagsüber zunächst als Wäscherin und pflegt die betagte Mutter. Erst nachts, in der Dunkelheit kommt sie zum Schreiben. Und sie beginnt zu übersetzen, schwedische Lyrik ins Deutsche. So kommt sie mit der jungen, radikal-modernen Lyrik des Landes in Berührung, die für sie eine Offenbarung ist und ihr eigenes Werk, ihre dichterische Sprache beeinflusst. Sie verlässt die klaren Formen und metrischen Strukturen ihrer Berliner Gedichte, wird freier. Mit einem Vokabular, durch das die schwedische Sprache hindurch schimmert, und freien Versen schreibt die Überlebende über die Verfolgung und Vernichtung ihres Volkes. „Die Gedichte kamen und brachen gewaltsam aus mir hervor“, sagt sie in einem Interview.
Anerkennung
1953 erhält sie die schwedische Staatsbürgerschaft, wird heimisch dort im Norden. Anfang der 50er-Jahre wird endlich auch die junge Generation in Deutschland auf die „Dichterin der Shoah“ aufmerksam. Hans Magnus Enzensberger, seinerzeit Lektor im Suhrkamp Verlag, verantwortet die Edition zweier Bände mit Gedichten und szenischen Dichtungen von Nelly Sachs und trägt so maßgeblich zur großen Anerkennung bei, die ihr im letzten Jahrzehnt ihres Lebens zuteil wird. 1965 erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, und ein Jahr später den Nobelpreis für Literatur.
Es gäbe noch viel über diese Dichterin zu sagen, die ihre Berliner Gedichte vor der Flucht verbrannte und nicht wieder aufgelegt haben wollte und zu ihrer eigentlichen Größe erst im Exil fand, die am Ende ihres Lebens von Ängsten und Paranoia geplagt wurde, und 1970 an einem Krebsleiden starb. Zum Schluss soll sie noch einmal zu Wort kommen:
„Schon hast du dein Fluchtgepäck
hinüber –
die Grenze ist offen
aber vorher
werfen sie alle deine „zu Hause“
wie Sterne durchs Fenster
komm nicht mehr zurück
im Unbewohnten wohne
und stirb – „
Autorin: Andrea Brendel, Juli 2026
Quellen:
https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/nelly-sachs
https://de.wikipedia.org/wiki/Nelly_Sachs#cite_ref-9
Bilder:
Nelly Sachs, 1966. Nobel Foundation, Public domain, via Wikimedia Commons. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a4/Nelly_Sachs_1966.jpg
Nelly Sachs, 1910. AnonymousUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d1/Nelly_Sachs_1910_restored.jpg
