AK Grüner Wasserstoff

Grüner Wasserstoff zwischen Hoffnung und Wirklichkeit: gemeinsam den Hochlauf verstehen

Welche Rolle kann grüner Wasserstoff für unsere Zukunft spielen – und warum kommt sein Einsatz langsamer voran als erhofft? Diese Fragen beschäftigten die Teilnehmenden an zwei Nachmittagen der Herbstakademie am 28. und 29. September 2026. Die Wasserstofflotsen des Arbeitskreises Grüner Wasserstoff am ZAWiW der Universität Ulm hatten dazu eingeladen, Chancen und Grenzen genauer zu betrachten. Unter der Moderation von Walter A. Böttcher entwickelten sich lebendige, konstruktive Gespräche, in denen auch unterschiedliche Einschätzungen ihren Platz fanden.

Anschaulich wurde das Thema mit Dr. Susanne Sihler. Sie erläuterte die Grundlagen der Erzeugung, Speicherung, Verteilung und Nutzung von Wasserstoff. Eine Demonstration der Wasserstoffflamme und Einblicke in die Bestandteile eines Elektrolyseurs im Labor des WBZU machten die Technik für die Teilnehmenden unmittelbar erfahrbar.

Im Fakten-basierten Disput: Dr. Susanne Sihler und Friedrich Schnell mit guten Argumenten pro und contra einer wasserstoffbasierten Zukunft von PKWs (Foto: Walter Böttcher)

Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete die Frage, wie aus großen Erwartungen eine tragfähige Wasserstoffwirtschaft werden kann. Walter A. Böttcher ordnete dazu den deutschen Hochlauf in die weltweite Entwicklung ein. Sein Ausgangspunkt: Wasserstoff wird bereits in großen Mengen genutzt, vor allem in der Chemie und in Raffinerien. Bisher stammt er jedoch überwiegend aus fossilen Quellen. Eine zentrale Aufgabe besteht deshalb darin, diesen bestehenden Bedarf künftig klimafreundlicher zu decken und zugleich neue Anwendungen zu erschließen.

Die Vorträge machten deutlich, warum dieser Umbau Zeit braucht. Grüner Wasserstoff benötigt viel erneuerbaren Strom, und seine Herstellung und weitere Nutzung sind mit Energieverlusten verbunden. Deshalb kommt es darauf an, ihn gezielt dort einzusetzen, wo direkte Elektrifizierung an Grenzen stößt – etwa als Rohstoff in der Chemie, für die Stahlherstellung oder als Grundlage von Kraftstoffen für die Luft- und Schifffahrt. Wo Strom unmittelbar genutzt werden kann, ist dies häufig die effizientere Lösung.

Besonders greifbar wurde das „Henne-Ei-Problem“ des Hochlaufs: Wer Wasserstoff produziert, braucht verlässliche Abnehmer. Unternehmen wiederum investieren erst in neue Verfahren, wenn Versorgung und Preise ausreichend planbar sind. Gleichzeitig müssen Leitungen, Speicher und weitere Infrastruktur entstehen. Hohe Kosten, fehlende verbindliche Abnahmeverträge und unsichere Rahmenbedingungen bremsen daher viele Vorhaben. Entscheidend ist, dass diese Schritte aufeinander abgestimmt werden.

Auch der internationale Blick gehörte dazu. Böttcher beleuchtete Chinas Rolle beim Ausbau der Elektrolyse sowie die Chancen sonnen- und windreicher Regionen als künftige Lieferanten. Für Deutschland stellte sich damit die Frage nach einem tragfähigen Zusammenspiel von eigener Erzeugung und Importen. Günstige Produktionsbedingungen allein reichen dabei nicht aus: Transportwege und verlässliche Partnerschaften müssen mitwachsen. Zwischen angekündigten Projekten und tatsächlich gesicherten Investitionen bleibt eine erhebliche Lücke.

Passend zum Leitthema der Herbstakademie „Mensch in Bewegung“ erhielt die Mobilität besondere Aufmerksamkeit. Karl-Heinz Traub erläuterte die Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff und daraus hergestellten Kraftstoffen, etwa in bestimmten Bereichen des Schwerlastverkehrs sowie in der Schiff- und Luftfahrt. Zugleich stellte er die Herausforderungen durch Energieverluste, hohe Kosten und den Aufbau der notwendigen Infrastruktur dar.

Für besonders lebhaften Austausch sorgte die Rede und Gegenrede von Dr. Susanne Sihler und Friedrich Schnell zur Zukunft des Wasserstoffs im Pkw. Unterschiedliche Argumente boten den Teilnehmenden reichlich Anknüpfungspunkte für die Diskussion. Dabei ging es auch darum, für künftige technische Entwicklungen offen zu bleiben und die verschiedenen Lösungen anhand ihrer Effizienz, Kosten und ihres Klimanutzens sorgfältig abzuwägen.

Konkrete Beispiele aus Baden-Württemberg und anderen Teilen Deutschlands stellte Dr. Josef Michel vor. Sie zeigten, wo Wasserstoffprojekte bereits vorankommen und wo fehlende Infrastruktur oder Nachfrage die Umsetzung noch erschweren. Damit wurde zugleich deutlich, welche Aufgabe als Nächstes ansteht: Aus einzelnen Vorhaben müssen dauerhaft tragfähige Anwendungen im industriellen Maßstab entstehen.

Die beiden Nachmittage verbanden fachliche Einblicke mit Freude am gemeinsamen Nachfragen und Diskutieren. Deutlich wurde: Grüner Wasserstoff kann einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Damit sein Hochlauf gelingt, braucht es klare Prioritäten und das Zusammenspiel von Erzeugung, Nachfrage, Infrastruktur und verlässlichen Rahmenbedingungen. Der offene Austausch half dabei, die Chancen ebenso wie die noch zu lösenden Aufgaben besser zu verstehen.